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Dienstag, 29. September 2009

Kapitel 9 _ Die Märchenfahrt

Knurrend und heulend, kamen sie aus Peterchens Mund herausgerannt, und versammelten sich vor seiner verdutzten Nase. Plötzlich hörte Peterchen mit dem Gähnen auf.
"Loss, zu seiner Sohle!", hörte er einen Wolf knurren. Peterchen war so perplex, das er gar nicht mehr reagieren konnte. Die Wölfe rannten zu seiner Sohle und zerrten daran.
Sie zerrten, zogen, knurrten und knabberten an seiner Sohle, bis Peterchen meinte ein Kitzeln an seinem Ballen und an der Verse zu spüren.
Kaum dachte Peterchen „Hoffentlich zerfleischen sie meine Füsse nicht“, da trennten die Wölfe schon seine Schuhsohlen.
„Huch! Was passiert denn jetzt?“ Peterchen schielte zu seinen Zehenspitzen. Da kam gerade eine Gruppe starker Männer aus seinen sohlenlosen Schuhen herausgestampft. Sie trugen ein Zelt auf ihren Händen. Peterchen folgte ihnen mit den Augen, wie sie an ein freies Gelände gingen und dort das Zelt aufrichteten. Es schien, als würden sie sich hier auskennen und das jedes Jahr so machen.

Peterchen hob seinen Kopf, so gut es ging, um die kleinen Wesen zu sehen, die vor seiner Nase wuselten. Er war ja schwer wie ein Berg, und konnte sich kaum rühren. So hob Peterchen seinen Kopf ganz bedächtig, als würde er Tonnen von Felsgestein bewegen. Jetzt versuchte er zu sehen, was da noch aus seiner Schuhsohle rauskam.
"Ich wusste gar nicht, dass in meiner Schuhsole Leben drinnen steckt", dachte er und lauschte angestrengt. Irgendwoher kam Leierkastenmusik. Auch das schien aus seinen Füssen zu kommen. Deutlich hörte Peterchen noch ein Piepen und Grunzen. Dann kam um seine Füsse ein Bär in einem Tütü gebogen. Er schwebte auf seinen Tatzenspitzen tänzelnd voran, und hinter ihm rollte ein Leierkastenwagen, worauf eine kleine Maus sass. Sie drehte an einem Rad, und regulierte so die Geschwindigkeit der Melodie .
"Was soll denn das?" fragte sich Peterchen.
Was er sah war so befremdelnd, dass er darüber nicht mal lachen konnte. Wie der tumbe Bär in dem luftigen Tütü um den Hüften sich im Kreis drehend voranschwebte.
"Ich geb dir den Namen >Bäralina!<" sagte Peterchen zu sich, um sich irgendwie selbst zu unterhalten. Keiner machte den Anstand mit ihm zu reden. Als sei er ein Berg, stumm und dumm.
"Ich hab mich gar nie gefragt, ob Berge dumm sind?" kam Peterchen ein Gedanke. "Wie komm ich denn jetzt drauf." Doch weiterdenken, konnte er nicht.
Ein vorbeifliegender Fisch zog seine Aufmerksamkeit auf sich.
"Ich weiss, dass es fliegende Fische gibt", stellte Peterchen fest. "Aber die leben im Ozean, und springen kurz fliegend über das Wasser. Aber so herumfliegen tun sie nicht..." und er starrte den Fisch an, der vor seine Nase auf dem Platz herumflog, und hinter sich einen beinlosen Jungen zog, der anstatt seiner Beine zwei Räder unter seiner Hüfte hatte. Peterchen wusste nicht was er davon halten solle: "Entweder führt der Junge den Fisch gassi, oder er segelt auf dem Land..." doch er kam nicht weiter darüber nachzudenken. Denn ein plötzlicher Knall liess ihn hochschrecken, dass die Erde bebte und alle in Aufregung gerieten.
Als Peterchen zu der Stelle guckte wo der Knall herkam, sah er dort einen Wal. Halb so gross wie er, aber dennoch, er war riesen gross. "Der ist kleiner als ich, aber immerhin so gross wie ein Palast oder diese neuen Multiplexx-kinos!" dachte Peterchen, und wunderte sich nicht, dass dieser Wal gerade vom Himmel herunter gefallen war. Er blickte sich weiter um, und sah hinter dem Wal in sicherer Entfernung eine riesengrosse Schlange. Sie kämpfte gerade mit einem Elefanten. Als der Elefant einsah, dass die Schlange ihn besiegt, wollte er wegrennen, doch die Schlange riss ihr Maul auf, verrenkte ihren Kiefer, und nahm den Elefanten in sich auf. Dann schloss sie ihr Maul, und die Stosszähne vom Elefanten, blieben draussen hängen. Die Schlange wand sich. Sie war zu weit weg, dass Peterchen ihr gequältes Gesicht hätte sehen können. Er sah nur eine verbeulte Schlange aus dem Weiten und dachte sich. "Der sieht ja aus wie ein Hut. Genauso einen Hut hatte auch Antoine!"

Nun, war vor Peterchen ein kleiner Zirkuszelt aufgestellt worden. Und Peterchen sah einen winzigen Bären auf ihn zukommen. Er schaute hoch, als würde er vorbeifliegende Zugvögel beobachten. Dabei versuchte er, den Kopf von Peterchen zu finden. Er war ja soo gross, das sein Körper, für die kleinen Wesen, sehr unförmig erschien.
Der Bär schaute ihn an. Seine Augen lugten zwischen der Kapuze seines Dufflecoats und einem leuchtend bunten Schal hindurch, den er sich fest um den Hals und Kinn gewickelt hatte. Das, was von seinem Gesicht noch zu erkenen war, verriet höchste Verwunderung und Aufregung über das, was er vor sich sah.
Dann lief er zu den Gemüsebeeten, dass die Leute während des Zeltbaus angelegt hatten. Er blieb dort stehen und fing an, mit den Pfoten, die Erde zusammenzuschieben. Er versuchte sie zu festen runden Bällen zu formen, doch die Erde war zu trocken. Der Bär lief zu einem Brunnen, holte ein Kübel Wasser und goss es auf die Erde, pantsche damit etwas und machte jetzt kleine Erdbälle. Mit jeweils fünf in der Hand, lief er wieder zu dem Berg, der ein Kopf zu haben schien, und zielte auf dessen Mund. Doch er war zu klein, dass seine Bälle in die Nähe des Kopfes kamen. Peterchen beobachtete die kleine Gestalt mit prüfendem Blick. "Was hat der denn vor?", fragte er sich, und schaute rüber zum Wal, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Denn davor hatten sich eine Menge Leute versammelt, und guckten dabei zu, wie einer einen Schild an die Stirn des Wals nagelte, und Peterchen las drauf >WAL-Lokal<. Ein Mann stellte sich vor die Bartenhaare des Wals, und alle blickten ihn an. Er schien auf etwas zu warten. "Vielleicht wartet er auf den Bären", dachte Peterchen und sah skeptisch zum Boden hinunter. Doch der Bär war weg. Stattdessen spürte Peterchen an seinem Hintern ein Jucken, dann ein Pieksen. Er konnte sich nicht erklären was da geschah, doch er hatte das Gefühl, dass jemand ihm einen Loch in seinen Hintern bohrte. Nun kam irgendwoher hinter seinem Kopf ein lautes Pfeifen und Zischen. Für sein Geschmack hörten sie sich ein bisschen zu nah an. Von dem Heulen gebranntmarkt, fürchtete Peterchen, dass das Pfeifen und Zischen auch aus seinem Körper herauskäme, aber woher genau?

Peterchen war nicht der Einzige, dem das extrem laute Zischen auffiel und Sorgen machte. Aus dem Platz vor dem Wal-Lokal, wo Herr K., der Zirkusdirektor eine Rede halten wollte sandte dieser selbst, manchen Blick zum Himmel, während er versuchte, seine Rede zu halten. Zwar war es für die Jahreszeit sehr mild, aber ein Gewitter bei der Saison - das war doch sehr ungewöhnlich. Die ganze Sache gefiel ihm nicht.
"Mein Güte", grunzte er vor sich hin. "Das hat uns gerade noch gefehlt!"
Herr K.'s Miene verdunkelte sich zunehmend. Nichts lief so, wie es sollte. Der Tag hatte schon schlecht angefangen, als der Wal zum Eröffnungsfestakt herunterfallen sollte, und dann zu nah am Zelt, herunterklatschte und fast einige Aufbauer zerquetschte. Und das jetzt noch ein ausserordentlich lautes Zischen und Pfeifen seine Rede störte, brachte das Fass zum Überlaufen.
Ein paar Mal versuchte er seine Rede fortzusetzen, aber immer, wenn er den Mund öffnete, kam lautes Zischen dazwischen. Auch die Zuhörer wurden allmählich unruhig.
Der Junge mit dem fliegenden Fisch schaute sich ängstlich um:
"Wenn mir nur jemand sagen könnte, wo der Bär steckt?" sagte er. "Dass er den Festakt verpasst ist nicht so schlimm, solange er nichts Schlimmes anstellt."
"Mensch!" schrie der fliegende Fisch zu dem Jungen, und riss sein Maul in Richtung des Berges auf. "Seht doch!"
"Du lieber Himmel!", schrie Herr K., der mit den Augen der Flosse des Fisches gefolgt war. "Das Zischen kommt von dem Berg! Er bewegt sich!!"
Der Anblick, der sich nun bot, lies alle versammelten Leute die Augen aufreissen. Der Berg ruckelte. Zuerst etwas, dann heftig und immer schneller. Er schien kleiner zu werden. Das Zischen und Pfeifen, war so laut geworden, dass alle die Ohren zu hielten.
Und ein >Aaaahh!< und ein >Ooooh!< ging durch die Menge, als sich der Berg in die Luft hob und höher und höher stieg, und dabei immer kleiner wurde. Dann kam er runtergesaust, flog über den Platz. Es zischte und pfeifte. Allmächlich wurde das Zischen und Pfeifen leiser. Die Leute dachten, weil der Berg so weit weg geflogen war. Aber das stimmte nicht. Er wurde kleiner. Wie ein Luftballon, dessen Luft rausschiesst, so flog auch aus dem Berg die Luft raus und er verkleinerte sich. Im Hohen Bogen flog er in der Luft, kreiste, zischte über ihre Köpfe hinweg, dass alle sich ducken mussten. Der Berg, war nun so klein wie ein Felsgestein und kreiselte mehrmals über ihre Köpfe, bis er schliesslich mit einem lauten Getöse gegen den Wal krachte, und an ihm entlang runterrutschte.

"Der Schöpfer steh mir bei!", schrie Herr K., als er einen Jungen aus dem sandigen Boden aufstehen, und sich die nackten Knie abklopfen sah. Als dieser einen Schritt gehen wollte, torkelte er und fiel wieder um.
"Es ist ein Junge!", schrie der Bär im Tütü, und stellte sich noch mehr auf seine Bärentatzenzehe, um ihn über die Köpfe der Leute hinweg, besser sehen zu können.
"Er ist ja ganz nackt!" schrie einer aus der Menge.
"Komm bringt ihm was zu bedecken, --- Du! Futluus, bring ihm schnell was zum Anziehen!" orderte Herr K., der Zirkusdirektor, dem beinlosen Jungen an, und dieser rollte mit dem Fisch davon.
"Ist Ihnen was passiert?" fuhr er fort und kam von den Bartenhaares des Wals zu dem Jungen. Er streckte ihm seinen Arm.
"Mir, mir gehts gut!" stotterte der Junge und griff nach seiner Hand. Herr K. fragte ihn:
"Wer bist du denn mein Kind ?"
Er schien etwas eingeschüchtert und sagte zögernd:
"Bitte- ich- im Augenblick weiss ich es wirklich nicht. Ich weiss genau, wer ich gestern abend beim Insbettgehen war, aber inzwischen bin ich dauernd etwas anderes geworden", und versuchte aufzustehen und fiel wieder hin.
"Was soll das heissen?" fragte ihn Herr K. "Erkläre mir das!"
"Aber ich kann es Ihnen nicht erklären!" erwiderte der Junge und stand mit Herr K.s Hilfe auf. "Wirklich - weil ich nicht ich selber bin, verstehen Sie?"
"Nein", sagte Herr K. und die Leute hinter ihm reckten die Hälse und streckten die Köpfe.
"Es tut mir schrecklich leid", sagte der Junge höflich und versuchte zu gehen und torkelte, "aber ich kann es nicht besser erklären, weil ich es selber nicht verstehe. Man kommt ganz durcheinander, wenn man immer wieder etwas anderes ist."
Herr K. hielt ihn am Arm:
"Aha, ist das so?", erwiderte er und versuchte mit ihm, einige Schritte zu gehen.
"Wie soll ich ihnen das erklären...", sagte der Junge zögerlich.
"Wenn Sie eines Tages von hier gehen - das bleibt nicht aus, wissen Sie - und sich in einen Engel verwandeln, dann kommt Ihnen das sicher auch ein bisschen merkwürdig vor, oder?"
"Nein, eigentlich nicht", erwiderte Herr K und nahm die Kleider, die ihm der beinlose Junge überreichte.
"Gut", sagte der gedächtnislose Junge und nahm die Hose an, die ihm Herr K. anbot. "Ihnen kommt es vielleicht nicht so vor, aber ich finde es merkwürdig!" und steckte ein Fuss durch das Hosenbein.
"Ja, du!" sagte Herr K. "Und wer bist du?" Damit waren sie wieder genau am Anfang ihrer Unterhaltung. Doch da trat der Junge plötzlich auf weichen Boden und sank mit jeder Bewegung immer tiefer.
"Vorsicht!", schrie der Bär im Tütü, der sich zu ihnen vorgedrängelt hatte. "Nimm dich vor Herrn K.s Klebetorf in acht!"
"Herr K.s Klebetorf?", wiederholte der Junge und sah sehr verwundert auf seine Füsse hinunter.
Schnell packte Herr K. den Jungen und hob ihn behutsam aus einem kleinen Stück feuchten Torfbodens heraus.
"Meine Damen und Herren!", dröhnte er und bat mit einem Handzeichen um Ruhe. "Ich glaube, dies ist der geeignete Moment, um die Eröffnung des Wal-lokals zum Spektakelbeginn unserem Cirque 'die Sohle' zu verkünden."
"Zwar eröffnet man ein Lokal in der ganzen mir bekannten Königreichern mit Fusstapfen von Prinzessinnen", fügte er unter Beifallklatschen hinzu, "aber ich glaube nicht, dass es viel gibt, die sich eines echten Amnesiasten rühmen können."
"Das heisst nicht Amnesiast, sondern Gymnasiast!" sagte der Junge, als der Beifall langsam abbebte und er den Zement mit abschätzigem Interesse beäugte.
"Du weisst also wer du bist?" fragte ihn Herr K.
"Nein!" erwiderte der Junge trotzig.
"Du hast aber Gymnasiast gesagt. Bist du einer?"
"Iwo, dafür bin ich zu jung. Und es ist zu kompliziert es euch zu erklären."
"Wieso?" fragten einige Stimmen aus dem Publikum.
"Weil ihr es nicht verstehen werdet!" Und nuschelte vor sich hin: "Gott, jetzt rede ich wie Ali!"
"Was ist Ali?" fragte ihn der Bär im Tütü, der ganz nah gerückt war und es gehört hatte.
"Ach, nichts", meinte der Junge und redete wieder laut mit sich.
"Gott ich muss aufpassen was ich sage. Was hatte der Arithmeertik-Leerer gesagt, nicht was du du denkst ist entscheidend, sondern was du sagst?"
"Was sagst du da?" fragte ihn Herr K., der ganz verwundert war, von dem Verhalten des sonderbaren Jungen.
"Ach nichts, nichts, hab grad nachgedacht. Einfach hic, hic."
"Hitsch?" fragte ihn Herr K. wieder. "Was ist hic."
"Nichts. Hic ist nichts. Hab doch gesagt."
"Und wieso sagst du nicht 'Nichts' sondern 'Hitsch'?"
"Diese Fragerei wird mir allmählich zu bund!", sagte der Junge. "Ich habe Hunger. Ich würde gerne Essen. Und Durst hab ich auch. Sagen sie jetzt, was sie sagen müssen, und geben sie mir was zu Essen."
Ein Jubeln kam von der Menge. Und Herr K. hielt seine Rede. Daraufhin stürmten alle in den Wal-lokal, und vergassen den Jungen.

Peterchen stand jetzt ganz allein vor den Bartenhaaren des Wals und verbrachte einige Zeit damit, darüber nachzudenken, was darin sein könnte. Doch dabei kam nur heraus, dass er schreckliche Kopfschmerzen bekam, und immer noch nicht wusste, wieso die Leute da rein gerannt waren und was da drinnen war.
Von seinen Eltern hat er oft das Wort "Wal-lokal" gehört, aber bisher hatte er ihm nicht viel Beachtung geschenkt. Das, was die Erwachsenen taten, interessierte ihn wenig. Er fand, dass sie sich mit langweiligen Dingen beschäftigten. Das konnte er mit gutem Grund auch sagen, denn einmal war er mit der Mutter auch zu so einem Wallokal mitgeganen und ein Blick in das Innere dieses Lokals hineingeworfen. Doch er fand, das da drinnen nicht viel zu sehen gab. Die Leute versteckten sich hinter Vorhängen und kamen mit versteinerten Minen wieder raus. Als er seine Mutter fragte was die da tun, meinte sie, dass sie ein Kreuz auf ein Zettel machen und den in einen Schatel reinwerfen. Er fand, dass es ein blödes Spiel war. "Die Erwachsenen mögen aber ganz sonderbare Dinge" dachte Peterchen.
"Und hier verhalten sie sich auch nicht besser." Er stiess einen Seufzer aus.
"Hoffentlich langweile ich mich da drinnen nicht zu Tote" sagte er zu sich, als er durch die Bartenhaare des Wals in sein Inneres tappste.

Kaum trat er einen Schritt in den Raum, da schlug ihm ein Dunst aus Gesang, Gelächter und Getratsche, gemischt mit dem Geruch geheimer Gewürzen entgegen. Ein Mann zog ihn beiseite:
"Um ein Tisch zu bekommen, musst du den Aal herlocken."
Verdutzt blickte Peterchen in die Augen des Tischanweisers und dann auf das Aquarium, wohinter ihn der Mann geschoben hatte. Er suchte nach Knüppeln, womit er das Aquarium hin und her bewegen konnte, wie sonst bei einigen Spielen, die er kannte. Auch sonst war nirgendwo Zahlen draufgedruckt, wohin der Aal angeschwommen kommen konnte, damit man ihm, den Tisch mit dieser Nummer gab, bzw extra für ihn frei machte. So starrte Peterchen den Aal verdutzt an, und rief nur verwundert aus: "AAl? -- Oh??"
Plötzlich sauste der Aal an die Scheibe und drückte seinen Maul dagegen, dass sich seine Lippen daranpressten, als wolle es ihn abknutschen oder aufsaugen. Peterchen schreckte zurück und der Mann packte ihn an der Schulter.
"Wenn der Herr mir folgen möge", sagte er und schob Peterchen an eine grosse, runde Tafel, hob ihn hoch und setzt ihn in mitten auf die Platte. Dann brachte er ihm eine grosse Schachtel und drückte sie ihm in die Hand. Schon hatten sich einige Leute, die herumstanden, musizierten, tanzten oder tratschten, einen Stuhl geschnappt, und setzten sich rund um seine Tafel.

Peterchen starrte verwundert mal auf die Schachtel, mal auf die gespannten Gesichter der Leute, und wusste nicht was er tun sollte. Er schaute wieder auf die Schachtel.
"Ob da drin das ganze Papier mit den Kreuzen drin ist?", fragte er sich. "Was soll ich denn damit jetzt tun?"
Er besah sich die Schachtel genauer.
Ein Schild mit der Aufschrift Tellatale klebte am Seitenrand, und insgesamt machte die Schachtel einen äusserst interessanten Eindruck.
Das Wal-lokal übertraf Peterchens kühnste Erwartungen. "Also ich hätte noch hundert Jahre vor den Bartenhaaren stehen und denken können. Aber nie im Traum wäre mir so was eingefallen." dachte Peterchen und sagte noch nichts. "Was hatte der ArithmeertikLeerer gesagt? Nicht was du denkst ist richtig, sondern was du sagst.--- Sag jetzt ja nichts Falsches." ging es Peterchen durch den Kopf und er beachtete dabei den Deckel. Eine Reihe bunt leuchtender Bilder war darauf geklebt, und darunter stand: SCHRITT FÜR SCHRITT. Quer über die ganze Schachtel liefen in verschnörkelten Lettern die Worte: Kopf frei. Original türkische Erzähler-Ausrüstung für den MEDDAH.
Im klein Gedruckten darunter stand weiter, dass selbst ein neugeborener Esel in kürzester Zeit die Leute mit seinen Erzählungen einfangen und bezaubern kann. Zum Beweis war auf den ersten Zeichnungen ein Eselfüllen abgebildet, das sich den Erzählerumhang umlegte und mit strahlenden Eselsaugen, seine Zuhörer angrinste. Und sie blickten ihn verträumt an.
Peterchen öffnete die Schachtel und eine Oboe ertönte, als hätte er eine Spieluhr angemacht. Schon die Musik fing einen ein und versprach verheissungsvolle Stunden mit dem Erzähler.
Peterchen untersuchte den Inhalt der Schachtel genau. Doch da war nur der farbenprächtig, mit ornamenten und goldbestickte Umhang. Und drunter nur ein uraltes Heftchen mit vergilbten Blättern. Peterchen nahm's heraus. Ihm stieg ein morscher Geruch in die Nase. Wie ein alter, vergammelter Baum. Doch er konnte das dünne Heftchen nicht öffnen. Es war wie festgeklebt und hart wie Holzklotz.
Peterchen fragte sich, ob er den Umhang sich umlegen solle. Zwar stand auf dem Deckel mit den Bildern nicht, ob auch ein neun jähriges Kind so wunderbar erzählen könnte, aber alles sah wirklich furchtbar einfach aus. Peterchen ahnte, dass die Leute, die um den Runden Tafel sassen, darauf warteten, dass er endlich zu erzählen, anfangen solle, und Peterchen überlegte sich, ob er ihnen das Märchen vom Gestiefelten Kater erzählen solle. Oder vielleicht doch seine eigene, unglaubliche Geschichte, was ihm wiederfahren war. Das klang wirklich märchenhaft. Nur wie sollte er es erzählen, dass es auch so klang.
Die Leute um den Tafel wurden schon unruhig. Doch Peterchen war viel zu sehr von dem Gedanken in Anspruch genommen, um irgendetwas anderes mitzubekommen.
So ganz in seiner Welt versunken nahm er den Umhang und steckte eine Hand in das Armloch. Da flog er schon im weiten Bogen durch die Luft und wallte hinter seinen Rücken. Unter „Aaaaah!“s und „Ooooh!“s sprang das Büchlein auf sein Schoss, und blätterte sich auf, und ein lieblicher Duft aus Sandelholz und Weihrauch nahm den Raum ein. Vor allen Gästen tauchte ein zierliches Glas, mit heissdampfendem Tee auf. Es sah so einladend aus, dass Peterchen nach einem gegriffen hätte. Doch er besah sich das Bild auf der aufgeschlagenen Seite an.

Da war ein handgezeichneter Mann, der für ihn, wie ein Druide wirkte.
Und Peterchen begann zu lesen:

Es war einmal, es war keinmal. Gottes Geschöpfe gab es viele an der Zahl. In einer Zeit, die längst vorbei, war Schiefes schief und Krummes krumm. Deshalb hört mir zu und seid nicht dumm. Hört mit dem Herzen, spitzt die Ohren, unser Märchen ist der Wahrheit entsprungen. Nichts davon ist erlogen und kein Wort darin ist wahr. Denn in Vorzeiten war das Leben anders, da schneiderten Flöhe Kleider und Kamele feilschten auf den Märkten, Bauern siebten und harkten mit den Händen.

Im ganzen Laden war es mucksmäuschen still geworden. Man hörte nur das unregelmässige Atmen der Zuhörer. Peterchen sah die glänzenden Augen der Leute. Schmerz und Kummer schien entschwunden. Und Peterchen spürte in sich die Magie aufsteigen.
Peterchen las jetzt nicht nur ab, sondern, er erzählte.

Es war einmal, es war keinmal,

...begann er zu fabulieren.

in einer früheren Zeit, als das Sieb im Stroh war,
als Esel Wesire und Kamele Barbiere waren,

er gestikulierte und versprühte Magie in die Herzen der Zuhörer:

in einer früheren Zeit, als es mehr Menschen als Hirse gab, und es Sünde war „mehr“ zu sagen, da lebte in der damaligen Zeit eine Miskäferfrau. Weil sie so allein war, machte sie sich auf die Suche nach einem Ehemann. So ging sie drei Monde und sieben tagelang, immer weiter, über Flüsse, über Hügel, ohne Halt, und als sie sich umdrehte, sah sie, dass sie nicht mal die Länge einer Gerste hinter mich gelegt hatte, und sie machte sich wieder auf den Weg, ging über Stock und Stein, über Feld und Wiese und traf auf ihrer Reise auf eine Katze.
Die fragte: „Hey Mistkäfer, wo gehest Du hinnen!?“
Beleidigt erwiderte sie: „Ich heiße nicht Mistkäfer!“
So fragte die Katze: „Oh, wie heißt Du dann?“
„Kokonierte Kokonella,
bornierte Bonbonella, wohin gehest Du Korallen Perle, hättest du mich fragen müssen.“
„Oh, entschuldiget, unser einer vermochte es nicht zu wissen. Kokonierte Kokonella,
bornierte Bonbonella, wohin gehest Du Korallen Perle?“
„Ich suche mir ein Ehemännchen.“
„Heirate mich!“
„Dein Schwanz ist lang, du würdest mich schlagen", sagte sie und ging.
„Na dann, viel Glück auf Deinem Weg und hab’ eine gute Reise!“ rief die Katze ihr hinterher.
Dann traf die Miskäferfrau eine Ratte. Sie verliebte sich und heiratete. Doch die Ratte behandelte sie wie den letzten Mist. Aus Trauer stürzte sie sich in den Bach und ertrank.
Die Katze frass die Ratte auf, und damit ist auch unser Märchen aus.

Ein Raunen und Aufatmen ging durch den Raum, als würden alle erwachen. Das gewohnte Tuscheln stellte sich ein und die Sänger sangen und die Tänzer tanzten. Wer ass, der ass auf; wer trank, der trank aus.
Peterchen kletterte vom Tafel runter und ging zum Wirt, um von ihm was zu Essen zu bekommen.
Dieser sagte begeistert: "Du hast dein Essen redlich verdient!", und überreicht ihm eine vollgepackte Jausetasche. Aufgemuntert und selbstbewusst verliess Peterchen das Wahllokal. Mit dem Umhang um die Schultern und dem Heftchen in der Jausetasche machte er sich auf sein Weg, wohin es ihn auch hinführen mochte. Er war frohen Mutes.

Er war nicht weit gegangen, da traf er auch die Riesen Schlange. Sie war ungeheuer ausgebeult und jammerte. Vor ihrem Maul ragten die Stosszähne des Elefanten. Der Kampf war immer noch nicht vorbei. Der Elefant trampelte herum, um aus der Schlange herauszukommen. Etwas verschreckt wich Peterchen zu Seite, doch die Schlange sprach ihn an:

"Lauf nicht weg, Meddah. Bleib hier. Du musst mir helfen!"
"Wie soll ich dir denn helfen?" fragte Peterchen aus weiter Ferne, damit die Schlange auch ihn nicht verschlang.
"Wenn du die Stosszähne vom Elefanten zerschmetterst, erfülle ich dir jeden Wunsch den du willst", säuselte die Schlange.
Und ein dumpfes Posaunen erklang aus seinem Inneren:
"Falls du diese Schlange umbringst, tue ich dir jeden gefallen" dröhnte der Elefant.
Peterchen stand eine Weile da, starrte die Riesenschlange an, dann die Vorderzähne die aus ihrem Mund herauslugten, dann wieder die Riesenbeule im Körper der Schlange, dann nochmal auf die Stosszähne. Er überlegte, wem er helfen solle. Beide wollten ihm einen Wunsch erfüllen. War es da nicht egal wem er half, oder sollte er doch einem bevorzugt helfen. Wer verdiente es am Leben zu bleiben, und wer verdiente den Tot? Was würden die Tierschützer jetzt machen? Peterchen, wusste die Antwort nicht. Aber er wusste, wem er eher helfen konnte, und das war die Schlange. Er musste nur die Stosszähne vom Elefanten abhacken.

"Wart einen Augenblick!" sagte er zu der Schlange und flitzte weg. Kurz darauf kam er mit einer Axt, den er von den Zirkusleuten ausgeborgt hatte und schlug die Stosszähne des Elefanten ab.

"Du hast mir diesen Gefallen getan", sagte die Schlange. Und mit den Worten "Komm werde mein Freund und ich tue dir ein Favour" nahm er ihn zu einem Pool mit. Dort sagte er: "Ich geh jetzt in den Pool hinein. Du musst aber hier warten. Doch sobald ich ins Wasser gestiegen bin, wird die Apokalypse ausbrechen. Ein Twister wird aufziehen, faustdicke Hagel werden niederprasseln, die Flut wird alles überschwemmen, die Berge geraten einander, die Erde gelangt zum Himmel, alles bebt, donnert und blitzt. Hab du keine Angst und ward hier auf mich, bis ich zurück komme. Ja? Tust du das?"
Peterchen nickte.
"Ich werde dann in Menschengestalt aus dem Wasser entsteigen. Und in diesem Moment wird das Getose und Gedonnere augenblicklich aufhören."

Daraufhin sprang er ins Wasser, und sogleich verfinsterte sich die Umgebung wie die tiefste Nacht, ein Gewitter zog auf, Regen prasselte nieder. Das Heulen wurde stärker, und die Bäume fingen an zu wippen. Ein Tornado kam, riss Bäume weg, schleuderte alles auf. Das Donnern und Blitzen wurde Höllisch laut. Peterchen erschreckte sich zu Tote. Er fing zu schreien und zu weinen an, doch da hörte plötzlich alles auf; es wurde still, und Vögel zwitscherten, als sei ein Frühlingsmorgen aufgebrochen.
Und schon sah Peterchen aus dem Wasser einen Jüngling entsteigen. Gekleidet in Brokat und Gold, mit purpurnem Umhang. Und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Nachdem sie eine Weile stumm so vorangeschritten waren, fragte Peterchen: "Wohin gehen wir eigentlich?"
"Zu meiner Mutter", erwiderte dieser. "Sie wohnt da hinter der Hyazinthenhecke. Siehst du. Da hinten." Peterchen kniff die Augen. Ganz in der Ferne sah er einen purpurnen Fleck. Er nickte.
"Nachdem ich an der Tür meiner Mutter geklopft habe, sage ich zu dir: 'Komm mein Bruder!' Daraufhin wird sie mich fragen: 'Wer ist dein Bruder?' und ich werde antworten: 'Der, der mir das Leben gerettet hat.' Dann wird dich meine Mutter hereinbitten und dir sagen: 'Setz dich!' und du wirst antworten: 'Nein danke, ich hab noch was zu erledigen.' Sie bringt Kaffee und Kuchen. Auch die rührst du nicht an. So wird sie dich fragen: 'Mein Liebster, möchtest du überhaupt nichts?'
Daraufhin erwiderst du: 'Ich möchte nichts, ausser dem Spiegel, den du in dem Schrank da hast.'"

Und mit diesen Worten, standen sie schon vor der Türe der Mutter des Schlangenjünglings.
Der Jüngling klopfte. Die Mutter machte die Tür auf. "Komm Bruder", sagte die Schlangenhaut und bat Peterchen ins Haus. Als die Frau das hörte fragte sie:
"Mein Sohn, wer ist dein Bruder?" und ihr Sohn antwortet ihr mit den Worten:
"Einer, der mir das Leben gerettet hat."
Ein leuchten überzog ihre Augen und sie bat den Jungen herein: "Komm herein und setz dich." Doch Peterchen erwiderte wie empfohlen: "Ich bin nur auf einen Sprung hergekommen. Ich habe noch was zu tun, und habe deshalb nicht viel Zeit."
Auch ihr Kaffe und Kuchen wies Peterchen höflich ab. Um dem Gast die gebührende Freundlichkeit und ihre Dienste zu erweisen, versuchte die Frau dem Jungen alles recht zu machen, doch der sagte alle Angebote freundlich ab. So fragte die Mutter Peterchen: "Mein lieber Sohn, möchtest du denn gar nichts? Das geht doch nicht, als Gast irgendwohin zu kommen, nichts zu essen, nichts zu trinken. Wünschst du denn gar nichts. Kann ich denn für dich gar nichts tun?"
Peterchen freute sich, das es genauso kam, wie der Schlangensohn es ihm geschildert hatte, so sagte er aufgeregt. "Doch Sie könnten was tun. Ich wünsche mir den Spiegel, den sie da im Schrank, hinter der Türe haben. Wenn sie mir den geben, so sag ich nicht nein, und nehme ihn."
Peterchen konnte in ihren Augen die Missgunst sehen. Sie war überhaupt nicht gewollt ihm den Spiegel zu geben und Peterchen fühlte sich unwohl. Die Reaktion hätte er nun bei der Gastfreundlichkeit nicht erwartet. Der Schlangensohn griff jetzt ein und sagte:
"Aber Mutter. Ist dir so ein Stück Spiegelsplitter wichtiger, als ich. Er hat mir das Leben gerettet. Und du kannst dich von so einem Spiegel nicht trennen. Also bitte, Mutter!"
Auf sein Einreden hin, schien sie ein schlechtes Gewissen bekommen zu haben, denn sie stand auf und ging zum Schrank. Etwas zögernd griff sie rein. "Ob sie es sich doch anders überlegt hat? Nicht dass sie den Spiegel jetzt mit einem Fluch belegt", fürchtete Peterchen und sass kerzengerade auf seinem Platz und beäugte mit scharfen Augen, jede Regung der Frau.
Er sah förmlich ein Ruck durch sie gehen, als sie zum Spiegel griff und es herausholte.
Peterchen nahm den Spiegel, bedankte sich beim Schlangenjungen und verabschiedete sich von der Mutter. Der Jüngling blieb. So machte sich Peterchen allein auf den Weg.

Peterchen ging eine Weile und spielte derweil mit dem Spiegel. Er drehte ihn um, warf ihn in die Luft, fing ihn auf, und fragte sich dabei, wieso ihm der Schlangenjunge eigentlich unbedingt diesen Spiegel schenken wollte.
Als er in den Spiegel schaute, stand vor ihm ein Schwarzer Mann, so gross wie eine tausendjährige Eiche. Die Unterlippe hing ihm bis zum Boden und die Oberlippe reichte bis zu den Wolken. Als Peterchen ihn sah, wunderte er sich, wo der so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war.
Dann rief der Mann ihm zu:
"Befehle mein Herr?"

Doch Peterchen dachte nicht ihm Traum daran ihm was zu befehlen. Neugierig wie er war,
fragte er ihn:
"Wer bist du denn?"
"Ich bin dein Nigger. Ich erfülle dir jeden Wunsch."
"Man sagt nicht Nigger, sondern Neger", korrigierte ihn Peterchen.
So sprach er wieder:
"Wie du befiehlst, oh Herr. Ich bin dein Neger. Ich erfülle dir deinen Wunsch."
"Nein, eigentlich sagt man auch nicht Neger. Das ist diskriminierend. Jetzt sagt man
eigentlich Schwarzer... Moment, das sagt man auch nicht. Farbiger kommt eher hin...---
wart mal ich hab’s: Du bist ein Afro-Amerikaner."
"Was ist ein Afro-Amerikaner?" wagte der Sklave zu fragen.
"Na, du!" sagte Peterchen.
"Ich bin dein Neger. Was wünschst du von mir."
"Ich wünsche gar nichts!" schrie Peterchen. "Es gibt schon seit, seit...-- was weiss ich seit
wann, aber es gibt seit langem keine Sklaverei mehr. Du kannst tun und lassen was du willst."
"Was soll ich tun, oh Herr?" fragte ihn der Sklave.
"Was weiss ich? Es ist dein Leben."
"Mein Leben liegt in ihrer Hand, Gebieter."
"Du bist ein freier Mensch. Du kannst gehen." sagte Peterchen.
"Wohin?", fragte ihn der Schwarze.
"Wohin du willst!" antwortete Peterchen.
"Wo ist das?"
"Was, weiss ich?"
"Wieso weisst du es nicht? Wie soll ich dir deinen Wunsch erfüllen?" fragte ihn
der Sklave dienstbeflissen.
"Ist mir egal. Geh dahin, wo der Pfeffer wächst!", schrie ihn Peterchen an, dessen
Begriffsstutzigkeit ihn nervte. Er wollte seine Ruhe haben. Zu seinem Erstaunen,
erwiderte der in aller Ruhe:
"Aber wir sind da, wo der Pfeffer wächst. Sehen Sie sich um. Hier sind die Pfefferschoten-
büsche. Wie sollen wir dahin gehen, wenn wir schon da sind. Wünschen Sie sich was anderes."
"Ach, scher dich zum Teufel!" brüllte ihn Peterchen an, dessen Geduld allmählich ein Ende nahm.

"Der ist hinter dem Berg, dort drüben unter der Holztüre im Boden. Soll ich Sie jetzt dahin bringen?" vergewisserte sich der Wünscheerfüller.
"NEIN!", schnauzte ihn Peterchen an.
"Wieso wünschen Sie dann etwas, was sie nicht wollen." fragte ihn der Diener.
"Tue ich ja gar nicht. Ist mir Wurscht was sie tun, ---"
"--Ach der Herr hat Hunger. Wieso sagen sie das nicht", fiel Peterchen der schwarze Riese ins Wort und schon stand vor Peterchen eine Pfanne brutzelnde Wurscht.
Da fiel Peterchen ein, dass er noch nichts gegessen hatte, seit er das Wallokal verlies. Er mampfte genüsslich die heisse Wurscht und war froh, dass er ihm das Essen gebracht hatte. Dabei überlegte er sich, dass es eigentlich nicht so schlimm war jemanden zu haben, der einem alle Wünsche erfüllte. Er würde dem Mann seine Freundschaft anbieten. Und alle Wünsche, die er ihm dann erfüllte, wären dann freundschaftliche Handreichungen und keine sklavischen Dienste. Als er aufgegessen hatte schrie er den schwarzen Riesen an: "Ok. Abgemacht. Ab jetzt sind wir gute Freunde und sind für uns gegenseitig da."
"Wie der Herr befiehlt", sagte der Riese mit einer Verbeugung, und Peterchen erwiderte.
"Ab jetzt sagst du nicht: Wie der Herr befiehlt. Wir sind jetzt Freunde. Sag lieber: Was mein guter Kumpel auch alles wünscht ich tue es für dich. Dafür sind ja Freunde da!"
Und der Riese kreuzte seine Hände um seine Brust und verbeugte sich: "Was mein guter Kumpel auch wünscht, ich tue es für dich. Dafür sind ja Freunde da."
"Das klingt schon viel besser. Und diese Verbeugung lässt du ja. So nimm mich auf deine Schultern. Ich bin müde geworden."
"Dein Wunsch ist mir Befehl!", sagte er und bekam von Peterchen einen schiefen Blick. Er beugte sich runter und hob ihn auf seine Schultern und sagte:
"Was mein guter Kumpel auch wünscht ich tue es für dich. Dafür sind ja Freunde da!"
"Ach das ist mir zu lang", nörgelte Peterchen. "Sag einfach: Geht klar, big P.! Wenn du willst kannst du mir dabei einen Handschlag geben. Nicht immer. Aber immer öfter wäre nett." Und er kicherte über seinen Wortwitz.
"Geht klar, big P!" grölte der schwarze Riese und ging mit mächtigen Schritten voran.

Als sie eine Zeitlang so vorangekommen waren, da fragte sich Peterchen wohin der Riese eigentlich ging. Wenn er kein Ziel hatte, konnte er auch nirgendwo ankommen. Nein, das stimmte nicht. Er würde schon mit ihm irgendwo ankommen. Nur, war es ein Ort, wo er auch hin wollte?
Nun..., war das nicht egal, wenn er nicht wusste, wohin er wollte? Ja, war das nicht egal, wenn es ihm selber egal war?
"Aber mir ist es nicht egal!" rief Peterchen plötzlich.
"Was ist loss?" fragte ihn der Riese.
"Du gehst schon ne Weile, und ich weiss nicht wohin?"
"Ja, wo willst du denn hin, big P!?", fragte ihn der Riese.
"Tja, das weiss ich auch nicht", erwiderte Peterchen. "Kannst du mir sagen, wo ich jetzt hingehen soll?"
"Das hängt davon ab, wo du hinwillst", sagte der Riese.
"Ich kenn mich hier nicht so aus. Also ist es mir egal", sagte Peterchen nach einer kurzen Überlegungspause.
"Nun, dann ist es auch egal, wo du hingest", sagte der Riese.
"Ich möchte nur gern irgendwo hinkommen!" fügte Peterchen als Erklärung hinzu.
"Ach irgendwo kommen wir bestimmt an", sagte der Riese. "Wenn wir weit genug laufen."
"Ich will aber nicht irgendwo ankommen" meinte Peterchen.
"Und ausserdem, sagst du das selbe, was ich mir grad selber überlegt habe. Du bist mir auch nicht eine grosse Hilfe. Halt man an. Wir warten so lange, bis ich weiss wo ich ankommen möchte."

Und der Riese verlangsamte seine Schritte, hielt an, und setzte Peterchen auf seinen Wunsch hin auf den Boden und verschwand.
So fing Peterchen zu grübeln an.
"Ich will an Stellen, wo zuvor vor mir kein Menschenkind war. Es soll etwas Märchenhaftes sein, etwas Unmögliches, und Aufregendes...“
Er überlegte und warf sich rücklings in das Grass.
Die Wolken zogen vorüber. Flauschig und bauschig, in Formen und Unformen besiedelten sie den Himmel.
"Ach, ich wünschte, ich könnte auch, wie Heidi auf so `ner Wolke fliegen!" dachte er. Dann knallte er mit seiner Handinnenfläche gegen die Stirn. "Ja! wieso nicht. Meine Wünsche gehen doch hier in Erfüllung! Ich wünsch es mir einfach." Er nahm den Spiegel und schaute rein. Da erschien plötzlich der schwarze Riese. "Was wünschst du, Kumpel?" fragte ihn der Riese.
"Ach. Ich möchte hoch oben auf einer Wolke fliegen." sagte er, und schon lag er hoch oben auf einer Wolke.
Als sie eine Weile so geflogen waren, wagte der Riese ihn zu fragen. "Weisst du jetzt, wo du hinwillst?"
"Ich denke schon. Hier gibt es doch sicher ein Meer?"
"Ja, da hinten. Wir fliegen genau darauf hinzu."
"Gut. Dann will ich gleich über dem Meer ein mächtiges Wolkenschloss, das grösser und schöner ist, als der Palast, des Königs, der hier regiert."
"Gleich dahinten herrscht der Padischah. Sieh seinen Saray!"
"Ja! mach meines dreifach so gross! Nein, dreizehnfach! Wenn schon, denn schon."
"Geht klar, big P." sagte der Riese und gab auf seine Hand vorsichtig einen kleinen Klaps.
"Dein Wunsch ist dir schon erfüllt worden, bevor du es sagtest."
Informierte er Peterchen und streckte seinen Arm, in Richtung Meer, um ihn den Schloss zu zeigen.
Mit aufgerissenen Augen starrte Peterchen auf den mächtigen Wolkenberg aus Türmen und Kuppeln. Vor Freude klatschte er in die Hände. "Super. Und jetzt will ich die Prinzessin!"

Kaum hatte Peterchen das ausgesprochen, schon lag er in seinem Wolkenschloss neben der Prinzessin auf dem Himmelbett. Natürlich war sie bildhübsch und verliebte sich auch in Peterchen. Es war klar dass sie glücklich dahinlebten. Alle Wünsche von Peterchen, erfüllten sich augenblicklich. Er war in kürzester Zeit so wunschlos glücklich geworden, dass er anfing sich zu langweilen. So fing er an, auf den Strassen umherzustreunen. Auf seinen Wanderungen erblickte er stets Arme Menschen, die Hunger leideten und an Krankheit litten. So wünschte er sich von seinem Riesenfreund, dass alle Menschen in seinem Reich genug zu essen und zu trinken hatten, und das jemand stets da war, der sich um ihre Gesundheit sorgt. Er gründete eine Stiftung, an dem es nie an Geld mangelte.

So machte seine Güte und Hilfsbereitschaft eine Reise von Mund zu Mund. Jeder, der davon hörte, wollte unter der Herrschaft von Peterchen leben. Jeder der auf Füssen gehen konnte, zog von den König- und Herzogtümern zu Peterchens Reich. Die Hungernden wollten was zu essen, und die Kranken wollten Gesundheit. Endlich sorgenlos leben. Das wollten sie.
Doch wegen dieser Völkerwanderung fürchteten die Könige, Padischahs, und Zaren der Umgebung um ihre Reichtümer und Herrschaftsmächte und erklärten im Bündnis, Peterchen den Krieg.

Um aber den Glücks- und Wohlzustand der Leute bewahren zu können, nahm Peterchen die Kriegserklärung an.
Und blutige Zeiten, der Zermetzelung und Verwahrlosung fing an...

Peterchen verlor seinen Spiegel, die Prinzessin und sein Wolkenschloss und landete in einem Kerker. Er wartete auf seine Hinrichtung.
"Ach! hätte ich doch den Spiegel noch!" jammerte Peterchen.
"Dann hätte ich mir meine Freiheit gewünscht. -- und den Frieden!! Wieso bin ich nicht früher darauf gekommen?
Jetzt werden die mich umbringen. Vorher foltern die mich bestimmt! Ganz lange und qualvoll. --- Ob sie mir die Augen ausstechen?! -- Meine armen Augen! Ausgehöhlt werden sie sein. --- Ausgehöhlte Augen? Wer hatte noch ausgehöhlte Augen. - Ach, Achmet! - Ja, der arme, liebe Achmet! Wieso habe ich dich vergessen? Ich hätte mir doch wünschen sollen, dass du wieder sehen kannst. So hättest du mich jetzt retten können. Was war ich für ein Tor. Wieso habe ich mich auf diesen Krieg eingelassen?! Jetzt werden sie mich sicher hinrichten. Den Kopf werden sie mir abhacken. So wie sie es mit allen Kriegsgefangenen tun. Oh, Mama, oh Papa! Ich werde euch nie wieder sehen. Mama wird mir nie wieder Kakao kochen, und Papa mir nie ein Märchen erzählen. Kein gestiefelter Kater mehr. Und Ali? Ali, mit dir werde ich auch nie wieder Tomb Raider spielen können. Ich werde deine blöden Sprüche vermissen... und die Raufereien mit dir erst recht.
Ach!
Ich wünschte du wärest jetzt da, Ali. Ich würde mit dir sogar schwimmen gehen. Wie sehr ich schwimmen auch hasse. Nur, um mit dir Spass zu haben. Oder wir machen das, worauf du Lust hast. Sicher willst du dann Tomb Raider spielen. Meinetwegen, spielen wir Tomb Raider. Oh, Ali!
Oh, Papa! Ich bete für dich dass du nie in einem Kerker landest!"
Bis jetzt hatte Peterchen nicht besonders gern gebetet. Aber in diesen Umständen schien es ihm als angemessen und er hatte auch ein grosses Bedürfnis danach zu beten.
Er kniete nieder, schloss die Augen, faltete die Hände und---.

Zum Beten kam er nicht. Zwei Wächter packten ihn an den Armen und zerrten ihn hinaus.

Freitag, 11. September 2009

Kapitel 5 : Nichts ist wie es ist

"Erhebe dich!" wiederholte die tiefdröhnende Stimme, weil Peterchen immer noch nicht reagierte und Peterchen erhob sich aus seiner Verbeugung. Doch zu seiner Verwunderung stand vor ihm nicht der König, auch war neben ihm nicht der gestiefelte Kater.
"Wer bist du denn?" dröhnte die Stimme. Der Mann war so breitschultrig und stark wie ein Boxer, und noch dazu so lang wie ein Basketballspieler.
"Ich...?" fragte Peterchen unsicher. "Ich bin, ich bin...", stotterte er und wollte sagen, dass er Peterchen ist, der Sohn von Helga und Heinrich, und in die 4 f der Jahnweg Schule geht. Als er seinen Kopf neigte und in Gedanken auf den Boden guckte, sah er seinen Körper und stellte verwundert fest: "Oh Gott, seid wann hab ich denn ein Fell?"  (Er dachte es nur, und rief es nicht laut aus). Und plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Ohne es zu wollen hörte er sich selber sagen:
"Ich bin der gestiefelte Kater." Seine Stimme klang seltsam fremd und die Wörter klangen auch ganz anders. Viel weicher und melodischer als sonst.
"Der gestiefelte Kater?" fragte der Hühne. "Das habe ich ja noch nie gehört. Und wo sind deine Stiefel?"
Peterchen schaute auf seine Füsse, und siehe da! Da waren gar keine Stiefel.
>Nun ja, vielleicht stecken sie ja im Sack<, dachte er und schaute im Sack nach, doch dort waren weder Stiefel, noch die Rebhühner, die er gefangen hatte. Da war nichts als ein versteinertes Kleeblatt. Merkwürdig, dachte Peterchen und da er nicht wusste was er antworten sollte, fragte er den Fremden, um von sich abzulenken:
"Und, wer sind SIE?"
"Ich bin ein Riese", antwortete dieser.
"Aber Riesen sind doch riesig. Gulliver war ja nur so gross wie ihre Hand. Doch du bist ja nur ein Kopf grösser als mein Papa..."
Der Riese schien gar nichts von alledem zu verstehen was Peterchen da redete. Er schüttelte nur seinen Kopf und machte sich auf sein Weg, wohin er auch gehen mochte.
"Hey, ward doch mal!" rief Peterchen und stampfte mit dem Fuss auf, glitt aus- und >platsch< lag er am Boden. Genau vor seiner Nase war ein grosser brauner Käfer. Er kannte diesen Käfer. Im Heimat- und Sachkundebuch hatte er so einen Käfer schon mal gesehen. Die gingen auf ihren Händen und rollten mit den Füssen kleine Mistkugeln. Ja, jetzt wusste er auch, was für ein Käfer es war.
"Das ist ja ein Mistkäfer!" schrie er erfreut. Er war stolz, das er ihn erkannt hatte und war froh eins so nah zu sehen. Genau vor seiner Nase war ein riesengrosser Käfer und schaute ihm in die Augen, da er noch auf dem Boden lag.
"Ich heisse nicht Mistkäfer!" rief der Käfer empört.
"Oh, wie heisst du dann?" fragte Peterchen, der immer noch eine Katze war und merkwürdigerweise nur doppelt so gross, wie der Miskäfer. (Nach der Stimme zu urteilen war es eine Mistkäferfrau, und Peterchen dachte sie würde jetzt sagen: "Ich bin Fräulein Mistkäfer" oder "Ich bin eine Mistkäferfrau.")
Mit hochgehobenem Kopf sagte sie:
"Kokonierte Kokonella, bornierte Bonbonella, wohin gehest du Korallen Perle, hättest du mich fragen müssen."
"Oh, entschuldiget, unser einer vermochte es nicht zu wissen", erwiderte Peterchen und wunderte sich, wie er sprach:  "Kokonierte Kokonella, bornierte Bonbonella, wohin gehest du Korallen Perle?" fragte er.
"Ich suche mir ein Ehemännchen", sagte sie.
"Heirate mich!" sagte Peterchen, ohne es zu wollen.
"Dein Schwanz ist lang, du würdest mich schlagen", sagte die Mistkäferfrau und ging.
"Na dann, viel Glück auf deinem Weg und hab eine Gute Reise", sagte Peterchen ihr nach.
Die Verwunderung war ihm in sein Katzengesicht geschrieben, als er dem Mistkäfer hinterherschaute. "Was sage ich für ein dummes Zeug!" fragte sich Peterchen "...und wieso tue ich Dinge, die ich nicht tun will? Wo bin ich hier überhaupt." Peterchen kratzte sich am Kopf und schaute sich um. "Ich zwick mich mal, damit ich aufwache. AU! Ich bin immer noch da. Wenn das kein Traum ist, was ist es dann?" sagte er zu sich und versuchte aufzustehen. Doch er konnte nicht auf zwei Beinen gehen, wie der gestiefelte Kater. Er musste wohl oder übel, wie eine normale Katze auf allen Vieren laufen. Zuerst war er etwas unbeholfen. Doch dann hatte er es raus, welches Bein er vorsetzen musste, ohne dass sie sich ineinander verhackten. Und er lief und sprang über Stock und Stein, kroch auf der Wiese und tippelte, geschmeidig wie eine echte Katze über dem sandigen Boden und kam an ein Dorf. Vor einem Haus, sass ein schöne Maid und kämmte ihre Haare. Peterchen wunderte sich, dass sie keine schwarzen Hände davon bekam, denn ihr Haar war so schwarz wie Kohle.  Ihre Augen so grün wie Oliven, Lippen so rot wie Kirschen. "Gott! Oliven, Kirschen, Kohle. Seid wann denke ich denn an so was?" wunderte sich Peterchen. "Vielleicht kann sie mir ja weiter helfen. Ich frag sie mal."
Doch er sagte wieder etwas, was er gar nicht sagen wollte:
"Wieso weinst du oh du schöne Jungfrau."
"Ich bin keine Jungfrau", sagte diese ganz traurig.
Peterchen ahnte Schlimmes. Aber er meinte Jungfrau auch nicht in dem Sinne, dass sie noch nie in den Armen eines Mannes lag, sondern er wollte ihr schmeicheln wie jung sie erschien und er fürchtete, dass sie sagt: "Ich bin eine Frau." (Und Peterchen kannte den Unterschied zwischen Frau und Fräulein.)
Und wieder sprach Peterchen: "Oh, was bist du dann?"
"Ich bin ein Mann", sagte sie im zuckersüssen Ton und eine Träne kullerte ihre zartrosige Wange runter. "Ja, ein Mann, gefangen in dem Körper einer Frau. Ich werde nie heiraten können", sagte sie und eine weitere Träne kullerte.
"Heirate mich!" sagte Peterchen unvermittelt.
"Du bist eine Katze, du würdest mich kratzen", sagte sie.
"Nein, ich bin ein Junge, gefangen im Körper einer Katze", klärte Peterchen sie auf.
"Ich kann doch keinen Jungen heiraten!" sagte sie, " ... und sie werden auch nie zulassen, dass ich ein Mädchen heirate?"
"Warum?" fragte Peterchen und schaute in die olivengrünen Augen der Frau.
"Na, weil sie nie erlauben werden, dass eine Frau ein Mädchen heiratet"
"Aber ich dachte du bist ein Mann."
"Das bin ich auch. Aber, die glauben nur das, was sie sehen. Und für die bin ich eine Frau?"
"Wenn ich zu ihnen gehe und ihnen sage: Ich bin ein Junge, vielleicht glauben sie dir, dass du ein Mann bist."
"Nein, das werden sie nicht", sagte sie und weinte. Tränen kullerten ihre Wangen runter.
Plötzlich hielt sie inne:
"Aber du könntest mir einen Gefallen tun", sagte sie und wischte sich die Tränen weg.
"Ja? was denn?" fragte Peterchen gespannt, und konnte sich nicht vorstellen was das für ein Gefallen sein konnte, wenn er mit seinem klugen Vorschlag, den Leuten zu sagen, dass er ein Junge war, nicht helfen konnte.
"Du könntest anstatt meiner, die Hand von Rose halten? Dir würden sie sie geben?"
"Ja, was soll ich denn mit einer Frau?" fragte Peterchen.
"Du bringst sie zu mir und gemeinsam verlassen wir das Dorf."
Peterchen gefiel der Gedanke ein Liebespaar zusammenzuführen und er hörte genau die Anweisungen von der schönen Jungfrau, was er zu tun hatte.

Mit einer Packung türkischer Honig im Maul, kratzte er an der Tür des Zukünftigen. Eine verschleierte Frau öffnete die Tür und liess ihn herein.
Nachdem Peterchen, einer Katze gebührend sich neben dem Ofen niedergelassen hatte, trank er etwas von dem bitteren Mokka, den die Zukünftige stillschweigend und beschämt servierte, danach sagte er feierlich: "Der Befehl Allahs und der Wunsch der Propheten ist es, dass ihre Tochter mir zum Weibe wird. Es ist so vorherbestimmt. Auch ihr könnt nichts daran ändern." Auf diese Worte hin, wandelte sich die Braut in eine Rose. Peterchen sprang mit einem Satz zu ihr, nahm sie in sein Maul und rannte flink aus dem Haus.
Als er bei dem jungfräulichen Mann ankam, legte er die Blume zu seinen Füssen. Er hob sie auf, und piekste sich dabei an dem Dorn und wandelte sich in eine Nachtigall.
Er zwitscherte zu Peterchen: "Bitte, lass sie nicht sterben. Du musst sie einpflanzen. Draussen vor den Türen des Dorfes ist das Gemeindefriedhof. Bitte pflanze sie dort ein. Unsere Liebe soll den Tot überdauern. So sind wir beide lebendig begraben. Tagsüber während sie blüht werde ich schlafen; und nachts, nachdem sie ihre Blätter zusammenrollt hat, werde ich ihre Schönheit besingen, bis über mein Tot hinaus, und sie wird davon nichts mitbekommen..."
Und Peterchen ging zu dem besagten Ort und pflanzte die Rose ein. Es fehlte noch etwas Wasser. So lief er zu einem Brunnen, der am Wegrand stand. Als er den Eimer runterwarf, fiel der mit einem Scheppern hinunter und die Kette rollte sich auf. Doch Peterchen hörte von unten kein >Platsch<. Sondern nur ein dumpfes >Rumpel<. Dann meinte er ein Stöhnen zu hören. "Hallo?" rief er in den Brunnen und seine Stimme klang hohl und blechern. "Ist da unten jemand ?"  Er beugte sich tiefer rein, um nachzuschauen, aber er musste aufpassen, dass er nicht herunter fiel. Vielleicht hatte er sich ja verhört und es war nur das Knarzen, des alten Holzeimers da unten. Doch plötzlich hörte er wieder ein Laut. Es klang nicht menschlich. Aber auch nicht wie ein Tier. "Mmpfhgh! IIIghrmph!" hörte Peterchen. "Vielleicht versteht er mich nicht?" überlegte Peterchen.
"Vielleicht ist es ein Leguan aus dem Lummerland oder eine Leemure aus dem Taka Tuka Land? Die haben sicher eine eigene Sprache." Peterchen versuchte die Laute nachzusagen die er hörte. Dafür musste er seine Lippen fest zusammenpressen und ohne sie zu öffnen reden. "Mmmpfhgh! IIIIghrmmpht!", rief er nach unten und hörte den selben Laut wieder. "Echo, bist du das?", rief Peterchen in den Brunnen. Das Echo antwortete nicht. Da unten lag wohl doch jemand oder ein Etwas, dessen Sprache Peterchen nicht verstand. Beunruhigt sprang er vom Brunnen ab und lief auf den sandigen Hauptweg, weil gerade eine Karawane dabei war, den Brunnen zu passieren. Peterchen rief ihnen zu: "Hallo, ihr da hört ihr mich!"
Als eine kleine Katze, neben den grossen Kamelen, kam ihm sein Miauen ganz leise vor. So sprang er auf einen Kamel, bei dem er den Eindruck hatte, auf dem sitze eine Persönlichkeit, der was zu sagen hatte.
"Salamunaleykum, oh du Scheich!" hörte sich Peterchen wunderliche Sätze sagen, eigentlich wollte er nur sagen: Grüss Gott, der verehrte Herr! können sie mir helfen, da ist was im Brunnen. Statt dessen redete er wie folgt:
"Wären sie so gütig anzuhalten. Im Brunnen ist mein Herr. Seid Tagen liegt er da. Ich bitte sie gnädigst, holt ihn heraus, sonst stirbt er. Allah möge ihre Hände dafür segnen."
Der Scheich hielt an und folgte mit zwei Leibwächtern der Katze zu dem Brunnen. Dort zogen sie mit viel Mühe einen Mann aus dessen Tiefen. Seine beiden Daumen waren mit haardünnen Seilen zusammengebunden und er konnte sich nicht rühren. Ihm waren die Augen ausgestochen. Die Stellen, bildeten im Gesicht eine tiefe Furche; vereitert und mit Sand verklebt war das Blut darin eingetrocknet. Er schien sehr viel qualvolle Schmerzen ausgehalten zu haben.
Der Scheich fragte ihn mitfühlend: "Oh, du Allahs armes Menschenkind. Wer hat dich so zu gerichtet? Was ist das für ein Schicksal, das du erleiden musst..."

Und der Junge Mann erzählte bereitwillig seine Lebensgeschichte.

Mittwoch, 9. September 2009

Kapitel 4 : Der gestiefelte Kater

Nachdem Abendessen zog sich Peterchen gleich in sein Zimmer zurück. Auf den Ruf der Mutter, ob er seine Zähne auch geputzt hat rief er ganz laut "JA, HAB ICH!". Dann zog er seine Pyjama an und verkroch sich unter die Decke. Die Mutter rief: "Ich komm gleich!" und Peterchen wartete ganz gespannt.
Sie kam, machte das Licht aus, setzt sich auf einen Stuhl, nah an Peterchens Bett, knipste die Nachtlampe an, und sagte. "Also..." faltete die Hände ums Knie, verdrehte die Augen gegen die Decke und sagte: "Es waaar ein-maal... --- eingestiefelterKater!"
"Nein, das stimmt gar nicht!" rief Peterchen.
"Wieso denn nicht?" fragte die Mutter.
"Es war einmal ein Müller und der hatte drei Söhne." klärte Peterchen die Mutter auf.
"Und wo ist der Kater?" fragte die Mutter.
"Ach, Mami" maulte Peterchen. "Du kannst das nicht so gut wie Papi."
"Ja, ich weiss mein Liebes, Papi konnte wunderbar Märchen erzählen."
"Ja, und ich habe alles gesehen, was er erzählt hat."
"Ja, ich auch." sagte die Mutter. "Er konnte wirklich wunderbar erzählen. So gut, dass ich vergass, dass ich ihm zuhöre."
"Ja, du auch? Hattest du auch das Gefühl, dass du mit dabei warst."
"Mm-mh! Als wäre ich unsichtbar und laufe mit in der Geschichte rum!" lachte die Mutter.
"Ja, genau!" schrie Peterchen aufgeregt, der sich freute, dass es nicht nur ihm so erging, wenn er den Märchen des Vaters lauschte.
"Aber jetzt musst du schlafen", sagte die Mutter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
"Und träum süss." Beim Rausgehen liess sie die Tür einen Spalt offen.
"Ja, du auch!" schrie Peterchen ihr hinterher. Als sie weg war, wartete er kurz, stand auf und machte die Tür zu. Dann machte er das Licht an und holte aus der Tasche ein grosses dickes Buch, mit einem glänzenden Umschlag. Er las halblaut den Titel: "Die schönsten Märchen der Gebrüder Grimm."
Dann durchblätterte er das Buch und schaute sich die aquarellierten Bilder an. Es waren mehr Bilder als Text drin. "Das sind aber mal schöne Bilder", sagte er zu sich. "Und so viele..."
Er schaute sich die Illustrationen genau an, und ohne ein Wort gelesen zu haben, wusste er, was in dem Märchen so alles geschah. Als er beim Blättern einen Kater in Stiefeln sah, mit einem grossen Hut auf dem Kopf, blieb er stehen. Auch hier schaute er sich die Bilder an.
Er ging mit dem Finger über das Bild, das über die beiden Seiten des aufgeschlagenen Buches ging und sagte leise zu sich:
"Das ist die Mühle. Hier aus dem Fenster guckt ein blonder Junge, das ist sicher Hans, denn über ihm ist eine Katze. Oh, tschuldige! Ein Kater, das ist doch der Kater. >Verleggrins<. In einem anderen Fenster ist einer mit einem Mehlsack, das muss der Älteste sein, und ein Dritter geht mit einem Esel davon. Das ist wohl der Zweitälteste." Er blättert um.
"Wow! ein Schloss. Zwei Leibwächter. Und da ist schon der gestiefelte Kater. Da hat er die Stiefeln an und eine rote Mütze hat er auf. Was wohl in dem Sack ist? Der ist ja so gross wie er." Neugierig blättert er um.
"Der König! und der Kater nimmt seine Mütze ab. Was wohl im Sack drin ist? Ich hab’s glatt vergessen. Wie lang ist das schon her, und auf dem Bild sieht man es nicht. Steht sicher unten im Text."
Er liest. "Der König staunte über die schönen, fetten Rebhühner. ---Ach ja, Rebhühner waren es; und dafür bekam der Kater ein sackvoll Golddukaten. Hier auf dem Bild, schüttet er sie schon aus. Sicher vor den Füssen von Hans, der wird Augen machen. Soo >blätterblätter<"
Er übersprang einige Seiten. Jetzt stand der Kater vor einem grossen Mann mit bösen, gelben Augen. Dann vor einem Elefanten und vor einem Löwen. Beide hatten die selben bösen, gelben Augen. "Ah, das ist sicher der Zauberer!" rief Peterchen. "Und hier ist er 'ne Maus, den frisst der Kater jetzt."
Er blätterte zurück zu dem Anfang der Geschichte.
"So jetzt will ich aber mal lesen, was da drin geschrieben steht. Ich kann’s kaum abwarten", sagte Peterchen und las laut vor:

"Ein Müller hatte drei Söhne, seine Mühle, einen Esel und einen Kater. Die Söhne mussten mahlen, der Esel die schweren Getreide- und Mehlsäcke tragen und der Kater Mäuse fangen. Als der Müller starb teilten sich die Söhne die Erbschaft. Der älteste bekam die Mühle und der zweite den Esel. Für den jüngsten Sohn Hans blieb nur der Kater übrig. Da war Hans traurig und sagte zu sich selber: "Ich bin am schlechtesten dran. Mein ältester Bruder kann mahlen, mein zweiter auf seinen Esel reiten. Aber was soll ich nur mit einem Kater anfangen? Ich kann mir höchstens ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen lassen."


Peterchen hielt inne. Irgendwie gefiel ihm das Märchen nicht so besonders. Es war so..., so blöd erzählt. Wären da die vielen Bilder nicht, hätte er von allein nichts gesehen, so wie beim Vater. Da fehlte auch was. Irgendwas fehlte, aber was?
"Bei Papa, klang das Märchen anders", meinte Peterchen. Er überlegte, was da anders war und dann fiel es ihm ein. Der Anfang fehlte. "Papa hat das Märchen ganz anders begonnen. So wie Märchen eben immer beginnen", sagte Peterchen und schloss die Augen. Er versuchte sich zu erinnern, wie der Vater das Märchen erzählte. Er stellte sich vor, wie das war, als er noch fünf war: Er liegt so im Bett, der Papa kommt. Streichelt seinen Kopf. Fragt ihn was er gerne hören will und er ruft: "Dä gestifelte Kataa!" und dann beginnt der Vater zu erzählen. Peterchen hört die Stimme des Vater deutlich sagen:

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, in einem Land das einmal war und jetzt nicht mehr ist, ein Land dessen Name im Fluss des Vergessens versunken ist, da lebte an diesem Fluss ein Müller mit seinen drei Söhnen.

"Ja, so ist es richtig", nuschelt Peterchen im Halbschlaf in sein Kissen, und träumt weiter, wie der Vater erzählt. Das Buch fällt ihm aus der Hand und knallt auf dem Boden: >rumps!<

>Rumps, rumps, klippertdieklapp<, machte die Mühle, >Plischt, platsch< das Bach, und der Müller mahlte Mehl in der Mühle...

...und Peterchen sieht den Müller vor sich wie er mahlt, hört das Plätschern des Flusses und das Klappern der Mühle.

"Es ist Gottes Wille", erzählt der Vater weiter, "und keiner kann diesem Schicksal entrinnen. Auch der alte Müller nicht. So geschah es, dass er den alten Müller zu sich nahm. Genauso wie er eines Tages auch mich zu sich nehmen wird. Die Söhne weinten um ihn. (Du weinst aber nicht, mein Peterle.) Der Älteste sagte dann: "Wir sind in Trauer. Doch bevor wir uns später streiten, lasst uns Vaters Erbe teilen. Ich bekomme die Mühle, weil ich der Älteste bin; du Olaf, hast als Zweitältester Recht auf den Esel; und du Hans, du als Jüngster bekommst den Kater."

Doch Hans, war darüber nicht sehr erfreut: "Ich bin am schlechtesten dran“, grollte er. „Meine Brüder können mit ihrem Besitz Geld machen. Aber was soll ich mit einem Kater anfangen? Ich kann mir höchstens ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen lassen."
"Hans!" hörte er den Kater sagen. Sein Kater hatte zu ihm geredet, und das hatte er bisher noch nie getan.
"Hans," wiederholte der Kater, "töte mich nicht, nur um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Fell zu bekommen. Ich weiss eine viel bessere Möglichkeit, um dir zu helfen! Aber ich brauche ein Paar Stiefel, damit ich ausgehen und mich den Leuten zeigen kann."

So liess Hans einen Schuster kommen, und Peterchen sah ihm dabei zu, wie er die Stiefel schusterte. Dann zog der Kater die Stiefel an, warf sich einen Sack über die Schulter und ging wie ein Mensch auf zwei Beinen zur Tür hinaus. Peterchen heftete sich an seine Versen und ging mit ihm in den Wald. Der Kater machte seinen Sack auf und breitete das Korn darin auseinander. Dann versteckte er die Schnur im Gras und legte das Ende hinter eine Hecke. Er selbst versteckte sich und wartete. Auch Peterchen versteckte sich. Gespannt wartete er darauf, was jetzt passieren würde.
Lange brauchten sie nicht zu warten. Die Rebhühner kamen und fanden das Korn. Eins nach dem anderen hüpfte in den Sack.
Als genug Rebhühner drin waren, zog der Kater den Sack zu und drehte ihnen den Hals um. Da zuckte Peterchen zusammen. Er fand es etwas grausam, aber ja, er konnte ja nichts dagegen tun. Er war ja unsichtbar und konnte nur mit dem Kater mitlaufen. Dieser warf den Sack wieder über die Schulter und ging geradewegs zum Schloss des Königs.
Doch vor dem Schloss hielt sie die Wache auf:
"Halt! Wohin willst du?!" riefen sie dem Kater zu. Peterchen bemerkten sie nicht.
"Zum König", antwortete der Kater und Peterchen nickte stumm. Er wusste, dass sie ihn nicht sahen.
"Bist du verrückt, ein Kater zum König!"
"Ach, lass ihn nur", antwortete der andere. "Der König hat so oft Langeweile, vielleicht kann ihn der Kater ein bisschen aufheitern."
Und so kam Peterchen mit dem Kater vor den König und machte mit ihm eine tiefe Verbeugung. Auf seinem Rücken der prallgefüllte Sack mit Rebhühnern. Er kam gar nicht dazu, sich zu wundern, warum er nun den Sack auf dem Rücken hatte und nicht der Kater, da sprach eine tiefe Stimme zu ihm:
"Erheeebe dich!!"

Kapitel 3 : Die Lüge

Als Peterchen die Haustür aufschloss, rief die Mutter von der Küche:
"Na, Peterchen, wie war's beim Schwimmen?"
"Gut", log Peterchen und zog seine Schuhe aus. Während er seine Jacke aufhängte, rief die Mutter:
"Komm, gib mir deine Badesachen, ich häng sie auf. Nicht dass sie anfangen zu müffeln."
"Ich mach das schon!" schrie Peterchen und lief ins Bad. Er holte aus der Tasche die Badehose, warf sie in den Spülbecken, öffnete den Wasserhahn und stellte das Wasser wieder ab. Dann nahm er den Badetuch und warf die klitschnasse Hose rein und trocknete sie ab. Danach hängte er die feuchten Sachen an der Wäscheleine über der Badewanne auf.
Als er aus dem Bad kam, sagte die Mutter: "Das ist aber lieb, danke. Und? wie war das Schwimmen? Wo warst du so lang?"
"Ach, ich war mit Ali in der Bücherei", entgegnete Peterchen.
"Und, hast du was Schönes gefunden?"
Peterchen wollte erzählen, was er mitgebracht hatte, doch die Mutter redete weiter. "Wasch dir die Hände, es gibt bald Abendessen."

Sie setzten sich zu Tisch und assen stillschweigend. Nur die Gabel und das Messer klirrten und klimperten auf dem Teller. Da sagte die Mutter: "Peter, warum stocherst du im Essen? Schmeckt's dir nicht?"
"Doch", erwiderte Peterchen.
"Und, warum isst du nicht?"
"Wann kommt denn Papa nach Hause?"
"Ich weiss es nicht", sagte die Mutter und nahm einen Bissen.
"Und wann ist der Krieg zu Ende?"
"Ich weiss es nicht Liebes", meinte die Mutter und schaute auf ihr Teller. "Es ist dann zu ende, wenn es zu ende ist."
"Und wie lange dauert das noch?"
"Ich weiss es nicht. Es ist immer Krieg, mein Liebes. Irgendwo ist immer Krieg."
"Und warum muss denn Papa da hin?"
"Das weisst du doch Liebes."
"Ja, der Vater von Robert arbeitet auch beim Militär und er ist hier geblieben. Seit einem Jahr hab ich Papi nicht gesehen“, schmollte Peterchen und steckte seine Nase tief in sein Teller rein.
"Aber, der Papa von Robert, arbeitet im Büro--"
"-- und Papi!? Kann er das nicht auch?!"
"Hans-Peter, stell dich nicht dümmer als du bist!“ schimpfte die Mutter. „Du bist schon ein grosser Junge. Du weisst genau wieso das nicht geht!" Kalt fügte sie hinzu: "...und sei jetzt still und iss dein Teller leer!"

Doch Peterchen verspürte keine grosse Lust zu Essen. Er musste an seinen Vater denken. Warum muss auch Papi ein Soldat sein? Sicherlich schiesste einer aus dem Hinterhalt und er verblutet. Keiner kann ihn retten, weil sie auf alle ballern...
Während Peterchen in Gedanken versunken auf sein Teller starrte, hörte er seine Mutter sagen:

"Peterchen." Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf. 
"Komm, iss dein Teller leer. Ich will doch, dass du gross und stark wirst. Und Papi wird dann ganz stolz, wenn er sieht, wie gewachsen du bist. Und er wird sagen: 'Was für ein grosser Junge du geworden bist!" wird dich hochheben und dir einen dicken Schmatzer auf die Backe geben. >Muuuaaah<" und sie schmatzte Peterchen auf die Backe. 
Dann sagte sie aufmunternd: "Wenn du brav aufisst, dann erzählt Mutti dir auch dein Lieblingsmärchen." 
"Das Papi immer erzählt hat?!" jauchzte Peterchen. 
"Ja, das Papi immer erzählt hat. Welches war es noch gleich?" fragte die Mutter. 
"De gestieefelte Kaata!" sagte Peterchen in einer Babystimme, und nahm einen kleinen Happen auf die Gabel und führte es zum Mund. Er kaute angestrengt und dachte: "Vielleicht kommt Papi doch ganz bald nach Haus. Dann wird er einen grossen Peter vorfinden."

Montag, 7. September 2009

Kapitel 1 : Peterchen und Ali

"Alle die ihr Schwimmzeug nicht da haben, setzten sich auf die Bank... Peter, das ist das dritte Mal. Du bekommst einen blauen Brief...", sagte der Lehrer, während er diejenigen notierte, die ihre Badesachen nicht mitgebracht hatten.
"Aber, ich dachte Schwimmen ist erst nächste Woche..." versuchte Peterchen, dem Lehrer den dritten Strich auszureden, doch dieser ging darauf nicht ein.
"Ich hab 'ne zweite Badehose mit, die kannste haben", flüsterte Ali Peterchen ins Ohr, doch dieser gab ihm einen Stups mit dem Ellenbogen in den Bauch, und zog ihm eine Grimasse. Ali versetzte Peterchen einen leichten Stoss in die Rippen und warf ihm einen finsteren Blick.
"Du willst doch gar nicht Schwimmen", zischte er ihn an.
"Denkst du ich steig in ein verpissten Becken rein?" grunzte Peterchen.
"Wer sagt denn, das die da reinpissen", fauchte Ali zurück.
"Ruhe ihr zwei!", unterbrach der Lehrer ihr lautes Tuscheln. "Was ist so wichtig, dass es nicht für später Zeit hat." Niemand antwortete. Peterchen und Ali duckten sich schuldbewusst.
"Peter, Ali? Könnte ihr das auch laut sagen, damit wir alle was davon haben", sprach Herr Sturm die Beiden an, dann wandte er sich Ali zu.
"Na, Ali? Was ist so wichtig? Sag es uns!"
"Ooch, nichts", druckste Ali und schielte rüber zu Peterchen.
"Dann seit auch still. Dir Peter schreib ich eine Verwarnung. Zuerst vergisst du deine Badesachen und dann störst du den Unterricht", und machte sich eine Notiz in sein Ordner. Niemand wusste auf diese Worte etwas Rechtes zu sagen, und es entstand eine Stille, die Herr Sturm jedoch kurz entschlossen unterbrach, indem er sich an die Klasse wandte:
"Jetzt marsch! Alle ins Wasser!"
Die Schüler drängten sich an den Beckenrand und sprangen rein. Einige hechteten, einige plumpsten und andere stiegen ängstlich durch die Treppe ins Wasser. Doch dann wurden die Kinderstimmen laut. Sie quietschten vor Freude und alberten herum. Bis der Lehrer sie aus dem Wasser rief, und die Pflichtstunde mit Bahnenschwimmen, Tauchen und Schmetterlingsübungen begann.

Peterchen sah sich den ganzen Tumult an, und war froh, sich nicht abmühen zu müssen. Dann pfiff der Lehrer zum Umziehen, und kreischend rannten die Kinder unter die Dusche.

Seine Hosen hochziehend tapste Peterchen in die Umkleidekabine und hörte Ali hinter sich herschreien: "Heee, Moruk! Wartest du auf mich?"

Ali kam pitschnass hinterhergerannt und setzte sich neben Peterchen, der gerade dabei war seine Socken anzuziehen. "Ach, ist das nicht erlabend, dieses kühle Nass!" sagte Ali und rubbelte mit dem Handtuch seinen Kopf.

"Was laberst du da?" rief ihm Michael zu, der eine Bank hinten seine Unterhose anzog.
"Du bist hier der Deutsche, sag du es mir", grinste Ali frech.
"Dann red du auch Deutsch", fuhr in Michael an und warf ihm seinen nassen Handtuch zu, doch Ali fing es in der Luft auf.
"Das ist deutsch du homosexuelle Quitscheente eines intergalaktischen Auswurfes" schrie Ali und knallte ihm den nassen Handtuch auf den Rücken.
"Was sagst du da?!" brüllte Michael und packte das Handtuch, als Ali zum zweiten Schlag ausholte und zog ihn an sich heran. Sie blickten sich Auge in Auge.
"Das verstehst DU sowieso nicht", zischte ihn Ali an, und drehte sich unvermittelt um und schrie:
"Heeeey! Moruk! Wartest du nicht auf mich?!!"
"Nicht, wenn du dich streitest, das muss ich mir nicht ansehen", brummte Peterchen und verliess die Umkleidekabine.
Ali lies Michael los, und lief an seinen Platz.
"Ja, du Feigling! renn du nur weg, du kanackige Bockwurst du!" brüllte Michael.
"Ja, laber du Palatschinkengesicht!" rief ihm Ali zu, während er in seine Adidashose schlüpfte. Er packte seinen Turnbeutel, und rannte Peterchen hinterher.
"Hau ab du Dosenfresser" brüllte Michael dem sich entfernenden Ali.

Doch der hörte ihn nicht mehr und lief Peterchen hinterher, der ein Gutes Stück vorgelegt hatte:
"Heee! was wartest du denn nicht! Sonst wartest du doch auch auf mich!" schrie Ali und zog im Laufen sein T-Shirt an.
"Moruk, ward doch mal!"
"Ich hab's eilig“, erwiderte Peterchen und hastete weiter.
"Wieso denn?“
"Die Bücherei macht gleich zu und ich wollte noch was ausleihen“, sagte Peterchen, dem sich nähernden Ali und beschleunigte seine Schritte.
"Was denn?" wollte Ali wissen und versuchte Schritt zu halten.
„Keine Ahnung. Ein Buch halt“
"Ein Buch? --- Mann!!" Ali zog den Turnbeutel hoch, der ihm von der Schulter runtergerutscht war.
"Ja, ein Buch. Jetzt tue nicht so verwundert. Was soll ich denn sonst in einer Bücherei ausleihen? – Turnschuhe!!"
Ali verzog die Mine.
"Da gibt’s ja auch was anderes als Bücher!“
Peterchen guckte ihn schief an:
"Aaach, echt?"
"Jaaah! Da gibt's seid Neuestem auch diese runden, glänzenden Scheiben, die man in schwarze Kasten reinschieben, falls dir das entgangen ist!-"
"Muss ich glatt übersehen haben! -- Und CDs hab ich Zuhause genug!“
Peterchen beschleunigte seine Schritte und ließ seinen Freund hinter sich.
"Ja!? und Bücher haste nicht?!“ rief ihm Ali hinterher. „Diese blöden Staubfänger, die einen anöden!“
"Das tun sie NICHT!" schrie Peterchen.
"DAS TUN SIE DOCH!! - Und reicht dir nicht, was wir in der Schule lesen? -- Was liest du noch freei-willig!!?“
"Das ist nicht dasselbe!“ schrie Peterchen. Seine hellen Ohren glühten. Er beschleunigte seine Schritte
"Lesen ist lesen!“ zischte Ali und sah nicht, wie das Gesicht von seinem Freund sich verfinsterte.

Flinke Füße tippelten auf dem Asphalt. Es schien, als jage ein haselnussbrauner Typ, einem fleischrosa Jungen hinterher. Der Blondschopf hastete voran und Krauskopf versuchte, Schritt zu halten. Plötzlich blieb der Erstere stehen. Mit brodelnden Augen starrte er auf den Boden. Sein Jäger näherte sich an sein Ohr und säuselte:
„Lesen ist lesen.“
Peterchen runzelte die Stirn, sein Gesicht war rot angelaufen, er holte tief Luft und sagte betont:
"Nein! --Ist-es-nicht!"
Ali stellte sich vor Peterchens Nase und aus zusammengekniffenen Augen sah er den aufgewühlten Jungen an, dessen sonst blasse Backen rot glühten:
"Ist-es-doch!" sagte er in einem eindringlichen Ton und richtete sich in seiner vollen Größe auf.
"Nein, ist es nicht!" erwiderte Peterchen, wandt sich von Ali ab und schritt mit wehender Jacke davon.
"Du Ausgeburt einer Schartekenschlampe---!!!" fing Ali auf seine typische Art zu Fluchen an.
"Vollidiot!" rief ihm Peterchen hinein.
"Blödes Arschloch!"
"Bist selber einer!" konterte Peterchen und fügte noch hinzu „Ein Arsch mit Ohren noch dazu!“

"Jetzt reicht’s!" schrie Ali und stürzte sich auf Peterchen. Sie klammerten sich einander, rangen. Jeder versuchte den anderen, auf den Boden zu werfen. Aber es gelang keinem. Sie ließen voneinander. Atmeten schwer. Unvermittelt sprang Ali auf den blonden Jungen, nahm ihn in den Schwitzkasten, und drückte ihn runter. Der Überrumpelte bückte sich unter dessen kräftigen Armen und zappelte. Er versuchte sich aus dessen Umklammerung loszureißen, zerrte. Sie taumelten hin und her.
Da packt Ali Peterchen um die Taillie. Da zuckt Blondschopf auf und windet sich. Peterchen bückt sich, dreht sich, schlängelt unter den Händen von Ali. Griffe hier, Griffe da, Handgemenge. Peterchen windet sich. Peterchen befreit sich. Ali packt ihn erneut. Greift jäh an seine Nierengegend. Peterchen zuckt auf. Peterchen brüllt - brüllt - vor Lachen.
„Haaahahaha!“ prustet er und befreit sich aus Alis Umklammerung.
„Du Arsch!“ ruft er, kämmt sich die Haare mit dem Finger zurecht und grinst Ali an.

„Selber Arsch!“ kontert Ali, stopft sich das Hemd in die Hose und grinst zurück:

#stopfstopfhemd#
#haarzurecht#

Plötzlich streckt Ali jäh die Arme aus. Peterchen zuckt nach hinten:
„NEIN!“
„Kilekile!“ ruf Ali und wedelt mit den Fingern in der Luft herum.
„NEIN!“
Ali kommt pantherhaft geduckt zu ihm.
Peterchen weicht zurück: „Nein!“
#Kilekile!#
„Nein! nicht kitzeln!!“ #GRRR!# #♫pt!# und schneidet ihm eine Grimasse.
Als Gegenzug versetzt Ali ihm einen freundschaftlichen Stoss #puff!# #grins#.
„Idiot!“ ruft Peterchen mit einem breiten Grinsen:
 :-))
„Selber!“, meint Ali und grinst zurück:
 :-)
#kämmkämmzurecht#   #stopfstopf!#
„Sagst du’s mir jetzt, was du für ein Buch ausleihst“, fragte er.
#stopfzurecht#   #handdurchshaar#

„Na gut!“ meinte Peterchen und zur Versöhnung erzählte er von einem Buch, das Emil ihm empfohlen hatte. Er fand es ziemlich lustig und meinte, dass er so was Tolles nicht gelesen hätte, und er, Peterchen, müsse es unbedingt lesen. Außerdem hieß der Held genauso wie er: Peterchen.
Ali wollte wissen, wer das Buch geschrieben hat, doch Peterchen zuckte die Achseln. Er wusste es nicht.
„Wieso das?“ fragte Ali.
„Es war so kompliziert. Gemi, Gümü? Klang wie Gemischtzeug.“
„Und wie willst du es finden?“
„Weiß ich nicht.
---
#groll# # grapsch!# #mmmpft!#
Peterchen brüllte.# HAAAAAAh°!#
#Pofff#  #♫pt!# #zwick#
„Du ARSCH!!“ schrie Ali.
„Selber Arsch!!“ konterte Peterchen.
Ali drehte sich um und war dabei zu gehen. Peterchen legte die Hand auf dessen Schulter und hielt ihn zurück.
 „Ach komm schon“ beschwichtigte er.
Ali schüttelte seine Hand weg.
„Und, warum sollte ich“, schmollte er. „
Weil du mein Freund bist?!“ Peterchen setzte einen Dackelblick auf und schob die Unterlippe vor.
#Dackelblick#
„Mmm-mmh“, druckste Ali.
„Weil da tolle Bücher sind?“
Ali blickte ihn schief an, als wolle er sagen: „Meinst du das überzeugt mich?“
Nach einem kurz eingetretenen Schweigen, sagte Peterchen plötzlich: „Du Ali!“ derart, dass Ali sich zu ihm umdrehte. #wusch!#
„Du, da gibt es ein super neues Computer Game. Das musst du unbedingt spielen!“
Alis Augen strahlten plötzlich. Er starrte Peterchen neugierig an und wartete, dass er den Namen herausrückt, doch als dieser immer noch nicht antwortet:
„Ja, welches Spiel ist es denn?“
Peterchen schüttelt den Kopf.
„Na!?“
„Sag ich nicht“
„Ach komm!“
Er guckt Peterchen eindringlich an. Doch der bleibt beharrlich.
„Kommst du jetzt mit?“
Ali druckst etwas herum.
„Mmh—Na gut!“ meinte er schließlich und beide gingen in Richtung Bücherei.

So sehr Ali auf dem Weg dahin auch drängte, Peterchen weigerte sich zu sagen, welches Spiel es war. Ali musste schon selber suchen. Was er nicht wusste war, dass da kein neues Spiel stand. Peterchen wollte nur, das sein Kumpel mitkommt. Als die beiden bei der Bücherei ankamen, rannte Ali sogleich zu dem CD-Regal, wo die Spiele aufgereiht standen. Peterchen hingegen setzte sich vor einen Computer und überlegte, wie der Autor hieß.